Textkraft - Worte, die wirken
aIhr Untertitel

Leseprobe
Copyright © 2024 Charles Verlag, Fischbachtal

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Inhalt
Vorwort 7
I. Plot, Exposé und Pitch 9
Der Plot, das Gerüst jeder Geschichte 10
Der Pitch bringt die Geschichte auf den Punkt 10
II. Beispielexposés 13
Wo fängt die Geschichte an? 13
Beispiel: Die Nacht der Jägerin 13
Lektorat 15
Wann geht es wirklich los? 17
Die Heldin scheitert 18
Gleichlautende Namen 19
Beispiel: Humor und Hausverstand erwünscht 20
Lektorat 21
Was steht auf dem Spiel? 25
Beispiel: Zeitjunkie 25
Lektorat 26
Standardexposé, Kurzexposé und Klappentext 29
Show don’t tell im Exposé 30
Beispiel: Sturmflut, Kurzexposé 31
Lektorat Kurzexposé 31
Beispiel: Sturmflut, lange Version 32
Lektorat 35
Der Ort des Geschehens 37
Personen 38
Beispiel Personenliste: Ein Vogel aus Blei 38
Lektorat 39
Beispiel: Ein Vogel aus Blei 41
Lektorat 43
Die Szenenfolge (Storyboard) 44
Bleiben Sie konkret 46
Beispiel: Sophie und ihr Weihnachtswunsch 46
Lektorat 48
Konflikte erkennen 52
Beispiel: Des Kaisers letzter Wille 53
Lektorat 55
Übung 58
Was ist spannend an einem Stoff? 58
Beispiel: Der Chronist 59
Lektorat 61
Die Reihenfolge und der Spannungsbogen 65
Beispiel: Wolfseele 65
Lektorat 66
Deus ex Machina 70
Beispiel: Valentin im Regenbogenland 70
Lektorat 71
Klammern in Geschichten 73
Beispiel: Trugbilder 74
Lektorat 76
Der magische Gegenstand allein reicht nicht 80
Beispiel Kurzexposé: Hippolytes Gürtel 80
Lektorat Kurzexposé 80
Beispiel Exposé: Hippolytes Gürtel 81
Lektorat 81
Der Held erfährt etwas 83
Beispiel: Dragunlaor 85
Lektorat 86
Witz im Exposé 90
Beispiel: Der Lover 90
Lektorat 91
Die Erzählstimme beibehalten 92
Beispiel: Idylle mit Dämon 93
Lektorat 94
Personenliste Idylle mit Dämon 96
Die Zielgruppe 97
Beispiel Zielgruppe: Hippolytes Gürtel 99
Beispiel Zielgruppe: Der Lover 99
Beispiel Zielgruppe: Idylle mit Dämon 99
III. Eindampfen – die Kunst ein Exposé zu schreiben 101
Womit beginnen? 102
Pitchen: die Kunst, fast ohne Worte zu sprechen 106
Beispiel Pitch: Dragunlaor 109
Beispiel Pitch: Der Lover 110
Was wird gepitcht? 110
Exposé und Pitch fürs Schreiben nutzen 112
Plot-Point I und II 113
Der Absatz, das unbekannte Wesen 116
Wann sollte man ein Exposé einsenden? 117
Formalia 118
Der Titel 119
Warum gleich ans Veröffentlichen denken? 121
Originalität oder im Genre bleiben? 123
Literaturagentur oder Verlag? 126
Das amerikanische Anschreiben 129
Mehrere Agenten gleichzeitig anschreiben 130
IV. Checkliste Exposé & Plot 131
V. Beispiele erfolgreicher Exposés 133
Die Kinder der Feuersäule 134
Kommentar 135
Kurzexposé Die Kosakenbraut 136
Kommentar 137
Personenliste 137
Exposé Die Kosakenbraut 138
Teil 1: 138
Teil 2: 139
Teil 3 (fünfzehn Jahre später): 140
Teil 4: 140
Schachzüge 141
Personen 143
Kommentar 144
Projekt Babylon 145
Kommentar 147
Der Kalligraph des Bischofs 148
Kommentar 150
Die Lauscherin im Beichtstuhl 151
Kommentar 154
VI. Interviews mit Agenten 156
Interviewfragen 157
Nachwort 182
Anhang 183
Alphabetisches Verzeichnis der Exposés 183
Was Sie Agenten und Verlagen schicken 183
Lexikon der Fachbegriffe 186
Literaturverzeichnis 189
Links 190
Autorenforen 190
Autoren 190
Zeitschriften und Newsletter 191
Weitere, im Buch verwendete Links 191
Über den Autor 192
Danksagung 193
Index 194
Vorwort
Exposés sind das Fegefeuer der Autoren. Eher geht ein Elefant durch ein Nadelöhr, als dass man einen 400-seitigen Roman auf zwei Seiten eindampfen kann.
Die meisten Autoren würden deshalb am liebsten gar keine Exposés schreiben.
Dabei können sie so nützlich sein. Nicht nur, weil sie – wenn gelungen – zu Verlagsverträgen führen. Sondern, weil Sie damit auch die eigene Geschichte prüfen können. Denn was auf 400 Seiten verborgen bleibt, wird auf zweien erbarmungslos deutlich: Plotlöcher, unglaubwürdige Figuren, fehlende Logik oder Spannung, offene Enden und erst recht, wenn unklar ist, wo die Geschichte eigentlich beginnt. Genau deshalb wollen Verlage als Erstes ein Exposé sehen.
Wo hakt es, was könnte man verbessern? Das  habe ich an 15 Exposés unveröffentlichter Autoren untersucht. Den Balken im Auge des anderen sieht man bekanntlich leichter als den Splitter im eigenen. Und es sind Fehler, die der anderen und die eigenen, aus denen wir am meisten lernen können.
Exposés verraten viel über Ihre Geschichte und vor allem über Ihren Plot. Deshalb werden Sie auf den folgenden Seiten auch viel zum Plot finden. Beispiele dafür, wie man einen verunglückten Plot verbessert, wie man Plotlöcher erkennt, wie man Mängel ausfindig macht, aber auch Stärken, und vor allem: wie man das Beste aus seiner Geschichte herausholt. Die meisten Anfänger nutzen nämlich das Potenzial ihrer Geschichten nicht aus.
Und wie schreibt man ein Exposé? Wie fasst man 400 Seiten auf ein bis drei Seiten zusammen? Dazu gibt es eine Menge Tipps im Kapitel „Eindampfen“.
Was unterscheidet eigentlich erfolgreiche Exposés von den weniger glücklichen Kollegen? Das können Sie an sechs Beispiel-Exposés studieren, die einen Verlag gefunden haben. Damit Sie sehen können, wie Profis ihre Exposés aufbauen.
Außerdem haben mir sieben angesehene Literaturagenten verraten, wie ein gutes Exposé ihrer Meinung nach aussehen sollte.
Und schließlich stelle ich Ihnen auch die Unterlagen vor, die für eine Manuskripteinsendung an Literaturagenten und Verlage nötig sind.
Was Verlage nutzen, um Manuskripte auszuwählen – das können auch Sie als Autor nutzen. Machen Sie Ihr Exposé zur Nagelprobe, beschreiben Sie  Ihren Plot und prüfen Sie, ob er trägt. Damit Ihre Geschichte besser wird. Damit Sie einen Verlag finden.
Gehen wir also an die Arbeit!
Hans Peter Roentgen
www.hproentgen.de
I. Plot, Exposé und Pitch
Wenn Sie Agenten oder Verlagen ein Buch vorstellen, benötigen diese Material, um das Projekt zu prüfen. Eignet es sich zur Veröffentlichung? Passt es ins Verlagsprogramm? Und das Wichtigste: Werden genug Leute dieses Buch lesen wollen? Deshalb interessieren Lektoren zwei Fragen:
1. Kann der Autor überhaupt professionell schreiben? Kann er Texte so formulieren, dass viele Leute sie lesen wollen?
2.  Hat der Autor eine Geschichte, die trägt? Die also einen Anfang hat, ein Ende und einen Plot, der beide miteinander verbindet?
Für Punkt 1 brauchen Sie eine Textprobe. Für Punkt 2 das Exposé. Das soll die Geschichte vorstellen, und zwar möglichst kurz. Lektoren haben wenig Zeit, aber einen Schreibtisch voller Manuskripte, die gelesen werden wollen. Folglich landet jede Einsendung, die nicht kurz ist oder die bereits auf den ersten Blick erkennen lässt, dass der Autor das Schreibhandwerk nicht beherrscht oder dass sein Manuskript keine brauchbare Geschichte enthält, auf dem großen Stoß ‚Ablehnen’.
Dazu zählen alle Manuskripte, deren Exposé eine der folgenden Eigenschaften hat:
 Es ist unklar, um welche Geschichte, um welchen Konflikt es sich überhaupt handelt.
 Der Anfang der Geschichte hat nichts oder wenig mit dem Ende zu tun.
 Das Exposé platzt wegen einer Überfülle von Figuren aus allen Nähten.
 Wo ist der Konflikt und warum soll sich jemand dafür interessieren?
 Das Exposé behauptet, spannend zu sein, beweist das aber nicht, weil es zu allgemein bleibt.
Für jeden dieser Punkte werden Sie im Buch Beispiele von Exposés finden, die genau dieses Problem enthalten. Und ich werde Ihnen zeigen, wie man das beheben kann.
Der Plot, das Gerüst jeder Geschichte
Was die Verlage interessiert, sollte Sie als Autor erst recht interessieren. Ist meine Geschichte gut? Ist klar, an welcher Stelle sie beginnt und wo sie endet? Dazu benötigen Sie einen Plot.
Der Plot verbindet den Anfang mit dem Ende. Er sagt uns, wo die Geschichte beginnt und was passiert, dass sie genau dieses und kein anderes Ende nimmt. Dazu gehören die wichtigsten zwei Personen eines jeden Romans. Nämlich der Protagonist und der Antagonist, traditionell auch Held und Bösewicht genannt. Letzteres heißt nicht, dass der Protagonist ein Held oder der Antagonist böse sein muss – auch wenn das oft der Fall ist. Das sind die beiden wichtigsten Figuren in Ihrem Plot. Der Protagonist ist der, der die Geschichte bestimmt, der Antagonist der, der die Ziele des Protagonisten verhindern will. Manchmal spricht man auch von antagonistischen Kräften, weil der Antagonist nicht unbedingt eine Person sein muss.
Protagonist und Antagonist bestimmen Ihren Plot. Was sie tun, was sie erreichen und worin sie scheitern, legt fest, wie die Geschichte verläuft. Andere Personen können helfen oder hindern, aber sie stehen nicht im Zentrum der Geschichte.
Und den Plot schildern Sie im Exposé.
Der Pitch bringt die Geschichte auf den Punkt
Der Begriff ‚Pitch’ kommt wie so vieles aus Amerika. Sie treffen zufällig einen Verleger im Fahrstuhl und haben genau eine Minute Zeit, ihm Ihre Geschichte vorzustellen. Bevor er aussteigt, müssen Sie ihn überzeugt haben.
Das ist die Theorie. Ich kenne viele veröffentlichte Autoren, aber keinen, der im Fahrstuhl seinen Verleger getroffen hat. Das ist die Praxis.
Der Pitch ist dennoch nicht nutzlos, ganz im Gegenteil. Denn auch ohne Fahrstuhl müssen Sie erst mal neugierig auf Ihre Geschichte machen, im Anschreiben an einen Literaturagenten zum Beispiel. Warum soll er Ihre Geschichte vertreten? Warum sollte ein Verlag sie kaufen?
Natürlich kauft niemand ein Buch allein aufgrund des genialen Pitchs. Aber aufgrund des Pitchs werden Agenten neugierig darauf, sich die Leseprobe und das Exposé anzusehen.
Ein Pitch ist also kein Wundermittel. Er ist ein kondensiertes Exposé. Dort sollte stehen, was das Besondere an Ihrem Projekt ist. Wodurch es sich von anderen unterscheidet, warum Leser es kaufen sollten.
Das ist die berührende Liebesgeschichte von Jana, die ihre große Liebe findet, sie aber auf tragische Weise verliert. Eine Geschichte voller Emotionen, Tragik und Liebe!
Ein Lektor, der das liest, wird denken, dass die Geschichte nicht berührt, keine Emotionen hat und die Tragik behauptet wird. Warum? Weil sich nirgendwo etwas findet, das diese Behauptungen belegt. Auch ein Pitch muss konkret einen Unterschied benennen.
Der Widerstandskämpfer Rick wurde von seiner Geliebten beim Einmarsch der Deutschen in Paris verlassen, jetzt hockt er zynisch und verbittert in seinem Café in Casablanca. Da betritt seine ehemalige Geliebte das Café – am Arm eines anderen Mannes.
Das allein ist kein Beweis, dass die Geschichte gut ist oder sich verkaufen lässt. Aber es wäre zumindest interessant genug, dass es sich lohnen könnte, das zugehörige Manuskript anzufordern – das ‚Casablanca’ heißt.
Im Pitch soll man nichts über das Wie sagen. Nicht, wie gut der Stil ist, nicht wie spannend die Verwicklungen. Da geht es nur ums Was. Was würden Sie jemandem erzählen, dem Sie das Buch empfehlen?
Deshalb ist der Pitch, genau wie das Exposé, nicht nur wichtig, um einen Verlag zu finden. Er ist auch wichtig, um zu prüfen: Worum geht es in meiner Geschichte eigentlich?
Exposé und Pitch sind wichtig für Autoren. Als Selbstkontrolle, weil Sie damit Ihre eigene Geschichte prüfen und verbessern können – und sie können auch bei der Entwicklung eines Stoffes, eines Textes helfen.
Gehen wir also an die Arbeit. Sehen wir uns die Beispiele an und wie wir sie verbessern können.
II. Beispielexposés
Wo fängt die Geschichte an?
Alle Geschichten müssen irgendwo anfangen. Doch wo genau? Die Frage ist nicht nur fürs Exposé wichtig, dort aber ganz besonders. Verscheuchen Sie den Leser nicht durch unnötige Vorbemerkungen, durch eine Vorgeschichte, die zwar für Sie als Autor wichtig ist, nicht aber für die Geschichte selbst. Das klingt selbstverständlich, ist es aber nicht. Wenn Sie mit einem Buch anfangen, wissen Sie oft noch nicht viel über Ihre Geschichte. Sie fangen vielleicht mit einer interessanten Figur an. Oder einem Bild, einer Szene, die Sie fasziniert. Oder mit einem spannenden Hintergrund. Um mehr über die Geschichte zu erfahren, schreiben Sie die ersten Szenen.
Sie schreiben sich warm. Sportler wärmen sich vor dem Wettkampf auf, Musiker stimmen ihre Instrumente. Aber das Aufwärmen gehört so wenig zum Spiel wie das Stimmen der Instrumente zum Konzert.
Natürlich muss ein Autor wissen, wie alles begann. Wie der Alltag seines Helden vor der Geschichte beschaffen ist, welche Ausbildung er warum begonnen hat.
Für das Exposé gehört so etwas aber in einen Nebensatz, je kürzer, desto besser. Interessant ist der Punkt, an dem die Geschichte losgeht. Das ist der Punkt, an dem sich etwas ändert. Troja und die Griechen sind nicht die besten Freunde, aber es herrscht Friede. Achill lebt bei der Mama. Wen interessiert das? Niemanden.
Da raubt Paris die schöne Helena und der Friede ist vorbei. Der trojanische Krieg hat begonnen und damit die Ilias. Der Raub der schönen Helena setzt die Geschichte der Ilias in Gang.
Beispiel: Die Nacht der Jägerin
Kurz nach ihrem sechzehnten Geburtstag zeigen sich bei der jungen Jägerin Valcrish, die mit ihrer Familie in einem abgeschiedenen Tal lebt, unerwartet Anzeichen für magische Fähigkeiten. Sie beschließt daraufhin, sich eine Lehrerin zu suchen, die sie im Gebrauch der Magie unterrichtet, und findet sie in der alten Keddris, der einzigen Priesterin von Melinor, der mächtigen Göttin der Magie. Valcrish verdingt sich für vier Jahre Lehrzeit bei ihr, begreift aber schnell, dass Keddris sie nicht nur die Magie lehren, sondern sie auch als ihre Nachfolgerin im Dienst der Göttin sehen möchte. Doch Valcrish fühlt sich nicht dazu berufen, wächst aber während ihrer Ausbildung unmerklich in den Kult der Göttin hinein.
Am Ende ihrer Lehrzeit erfährt sie durch eine Vision von dem Mondpriester Vaylon, der von einer Hexe seiner Seele beraubt und in einen Wolf verwandelt wurde. Sie erfährt auch, dass ihr Schicksal auf irgendeine Weise mit seinem verbunden ist, und macht sich auf die Suche nach ihm. Sie findet Vaylon gerade noch rechtzeitig, um ihn davor bewahren zu können, von Jägern getötet zu werden.
Durch die erfährt sie von einem Ort namens Clunyath, an dem das Böse haust, und findet heraus, dass Vaylons Seele dort gefangen gehalten wird.
Valcrish geht nach Clunyath, wo die Hexe Ansheyla herrscht, die den Menschen, die sie zu sich lockt, nicht nur die Seelen raubt, sondern auch ihre Herzen der Blutgöttin opfert. Einer ihrer Gefangenen und künftigen Opfer ist Valcrishs seit Jahren verschollener Bruder. Nun hat sie einen doppelten Grund, Ansheyla das Handwerk zu legen.
Doch die Hexe ist durch die Blutopfer, die sie seit Jahren darbringt, schon so mächtig geworden, dass das Einzige, was sie noch aufhalten kann, das „Herz von Tharúnis“ ist, der mächtigste magische Kristall, der je existiert hat. Der befindet sich aber im Reich der Drachen, das nicht in dieser Welt liegt und nur einem einzigen Menschen zugänglich ist: Melinors Priesterin.
Nach reiflicher Überlegung entscheidet sich Valcrish, Melinors Priesterin zu werden und reist anschließend mit Vaylon ins Reich der Drachen, wo es ihr in zähen Verhandlungen mit der misstrauischen und den Menschen nicht allzu wohlgesonnenen Drachenkönigin gelingt, sie zu überzeugen, ihr das Herz von Tharúnis zu leihen. Mit seiner Hilfe besiegt sie Ansheyla, muss sich jetzt aber gegen die Blutgöttin wehren, die sie zur Strafe dafür vernichten will. Doch Valcrish gelingt es, sich und die Blutgöttin in die „Schattenwelt“ zu bringen, eine magische Dimension, in der die Zauberkräfte von Göttern und Menschen gleich stark sind. Dort kommt es zu einem Duell zwischen den beiden, das fast die ganze Nacht dauert und das Valcrish schließlich um Haaresbreite gewinnt.
Durch Ansheylas Tod werden auch die gefangenen Seelen befreit, und Vaylon erhält seine menschliche Gestalt zurück, der sich während der Monate, die er mit Valcrish verbracht hat, längst in sie verliebt hat. Da sie seine Gefühle erwidert, heiraten sie und beschließen, einige Jahre als Wanderpriester durch die Welt zu ziehen, ehe sie sich, sobald Keddris eines Tages ihr Amt niederlegt, in Melinors Tempel niederlassen, um dort ihren Göttinnen zu dienen.
Lektorat
Hier ist der erste Absatz Vorgeschichte. Eine Jägerin erkennt, dass sie magische Fähigkeiten hat und macht eine Ausbildung zur Magierin. Nicht interessanter als eine Gymnasiastin, die entdeckt, dass sie mathematische Fähigkeiten hat und folglich Mathematik studiert. Der Autor muss das wissen, der Leser, insbesondere der Leser eines Exposés, braucht das nicht.
Denn die spannende Geschichte ist die des Mondpriesters Vaylon, der seiner Seele beraubt wurde und den Valcrish vor den Jägern rettet. Damit sollte man dann auch beginnen.
Valcrish ist Lehrling bei der Priesterin Keddris. Eines Tags träumt sie von dem Mondpriester Vaylon, dem eine Hexe die Seele geraubt hat. Seitdem streift er ruhelos als Wolf durch das Land, immer auf der Flucht vor Jägern. Valcrishs Schicksal ist auf irgendeine Weise mit dem von Vaylon verbunden …
Auf irgendeine Weise? Ja, auf welche Weise denn? Was führt dazu, dass Valcrish den Traum ernst nimmt und sich aufmacht, ihn zu suchen und zu retten? Genau das wäre hier wichtig zu wissen. Mit „auf irgendeine Weise“ ist es nicht getan, das erweckt beim Leser den Eindruck, dass der Autor es nicht so genau weiß. Wenn der Autor es aber nicht weiß, wer sonst? Und warum eine Geschichte lesen, in der die Dinge „auf irgendeine Weise“ passieren? Wer Zufälle liebt, spielt Lotto, aber liest keine Romane.
Hier gehört Butter bei die Fische.
Doch was könnte das sein?
Valcrishs Bruder wird vermisst. Das erfahren wir aber erst in der Mitte des Exposés. Und das Schicksal des Bruders ist mit dem von Vaylon verbunden. Das wäre nun wirklich ein Grund für Valcrish, nach Vaylon zu suchen. Versuchen wir’s mal:
Valcrish ist Lehrling bei der Priesterin Keddris. Vor einigen Jahren hat sie ihren Zwillingsbruder verloren, der angeblich bei einer Jagd umkam. Doch die Leiche wurde nie gefunden. Eines Tags träumt Valcrish von dem Mondpriester Vaylon, dem eine Hexe die Seele geraubt hat. Seitdem streift er ruhelos als Wolf durch das Land, aber der Wolf träumt von Valcrishs Bruder. Er weiß, wo dieser gefangen gehalten wird.
Jetzt hätten wir ein klares Motiv für Valcrish, nach Vaylon zu suchen. Vaylons Seele wurde von der gleichen Hexe geraubt, die auch Valcrishs Bruder gefangen hält. Über ihn kann sie ihren Bruder finden. Also macht sie sich auf, Vaylon zu suchen.
Vielleicht gibt es aber noch eine bessere Möglichkeit? Wann ist die erste Begegnung zwischen Valcrish und Vaylon?
Als dieser gejagt wird.
Was, wenn das der Beginn der Geschichte wäre? Valcrish rettet Vaylon vor den Jägern. Warum? Weil in der Umgebung des Heiligtums die Jagd verboten ist? Weil der Wolf Valcrishs Totemtier ist? Auch hier sollte es einen Grund geben.
Und wieso kann ein Magierlehrling Jäger davon abhalten, ihrem Beruf nachzugehen und Wölfe zu jagen? Wie gelingt Valcrish dieses Kunststück? Und woher wissen die Jäger den Weg zum Bösen und dass dort Vaylons Seele gefangen gehalten wird?
Vielleicht bringt der Wolf Valcrish zum Dank Nachricht von ihrem Bruder. Auch hier die Frage: Wie macht der Wolf das? Spricht er wie im Märchen? Erscheint er ihr im Traum? Auch diese Frage sollte im Exposé beantwortet werden. Autoren, deren Geschichten keine innere Logik haben, werden selten gelesen.
Und ein kleiner Tipp für das Manuskript: Sicher keine schlechte Idee, wenn die Jäger nicht ohne weiteres von ihrem Opfer ablassen. Wenn sich Valcrish Mühe geben muss, gar in Gefahr gerät. Autoren sollten es ihren Figuren nie zu leicht machen, das ist langweilig.
Wann geht es wirklich los?
In den meisten Krimis ist das einfach: wenn der erste Mord passiert. In anderen Geschichten gibt es eine Vorgeschichte. Casablanca beginnt damit, dass die ehemalige Freundin des Protagonisten Rick auftaucht. Doch der Film zeigt zunächst das Leben in Ricks Café mitten im zweiten Weltkrieg, die deutschen Offiziere, die Flüchtlinge und die Figur Rick. Dass Casablanca anders als ein Krimi nicht sofort beginnt, hat einen einfachen Grund. Wir alle haben Krimis gesehen, wissen, dass Kriminalbeamte Morde untersuchen. Wir müssen das nicht alles gesagt bekommen.
Doch welcher Filmzuschauer war schon mal in Casablanca? Hier mussten der Hintergrund und die Figur des Rick erst einmal etabliert werden.
Gehört das auch ins Exposé?
Ja, es gehört dorthin. Ohne diesen Hintergrund und die Figur funktioniert die Geschichte nämlich nicht. Das heißt nicht, dass Sie alle Verwicklungen auch im Exposé aufzählen müssen. Wenn Sie einen Hintergrund haben und eine Figur, die erst einmal eingeführt wird, tun Sie das in einem Satz.
Mitten im zweiten Weltkrieg betreibt Rick, ein ehemaliger Widerstandskämpfer, jetzt ein Zyniker, ein Café in Casablanca. Seine Gäste sind deutsche Offiziere, französische Kolonialbeamte und alle die Gestrandeten, die auf ein Visum für die USA hoffen.
Das reicht.
Meine Geschichte hat doch einen ganz eigenen komplexen Hintergrund, ich muss doch erst meine Figur vorstellen, meine Welt, sagen Sie?
Müssen Sie das wirklich? Die meisten Exposés, die ich kenne, müssen nicht. Lektoren und Agenten wissen eine ganze Menge über Hintergründe.
Natürlich gibt es Ausnahmen. Wenn Ihre Geschichte die Verschwörung des Jugurtha in der römischen Antike als Hintergrund hat, sollten Sie etwas dazu sagen. Aber nicht im Exposé. Sondern auf einer eigenen Seite, die die Welt Ihrer Geschichte vorstellt. Am Schluss dieses Buches finden Sie dazu Näheres, und zwar im Kapitel „Was Sie Agenten und Verlagen schicken“.
Die Heldin scheitert
Dann geht Valcrish nach Clunyath. Sie will sich dem Bösen, der Hexe stellen. Gut. Offenbar scheitert sie, aber auch das steht nicht im Exposé, stattdessen wieder Erläuterungen des Autors. Die Hexe ist durch Blutopfer zu mächtig geworden.
Woher weiß Valcrish das? Greift sie die Hexe an, wird geschlagen, kann nur mit knapper Not und der Hilfe des Wolfs entkommen? Dann sollte das auch so da stehen.
Jedenfalls ist der erste Befreiungsversuch gescheitert. Valcrishs Magie reicht auch mit Wolfshilfe nicht aus. Gut so. Geschichten, in denen gleich alles gelingt, sind langweilig.
Was kommt dann? Ein Kristall könnte die Lösung sein. Und wie erfährt Valcrish das? Sie ist zunächst mal geschlagen, wir dürfen annehmen, verzweifelt, ohne Hoffnung. Irgendetwas muss ihr wieder Hoffnung geben, irgendetwas muss sie auf die Spur zum Kristall bringen. Auch das gehört ins Exposé.
Valcrish gelangt mit Vaylon ins Land der Drachen. Doch die Drachenkönigin lehnt es ab, ihr den Kristall zu leihen. Verständlich, wer würde so einen Schatz einer hergelaufenen Menschin anvertrauen? Mit Menschen hat die Königin sowieso schlechte Erfahrungen gemacht.
Wer garantiert ihr, dass Valcrish ihn zurückgibt? Dass sie ihn nicht für eigene Zwecke nutzt? Sich damit zur Nachfolgerin der Hexe aufschwingt?
Im Exposé steht: in zähen Verhandlungen gelingt es Valcrish, sie zu überzeugen. Tja, wie überzeugt man eine Drachenkönigin? Gibt sie ihr ein Pfand? Zeigt sie ihr, dass die Hexe auch die Drachen bedroht? Befreundet sie sich mit dem Lieblingsneffen der Königin, und der legt bei der Tante ein gutes Wort für sie ein? Hat sie gar etwas, das sie selbst gering schätzt, den Drachen aber sehr wichtig ist?
Auch das sind Fragen, die das Exposé beantworten muss.
Gleichlautende Namen
Valcrish und Vaylon klingen sehr ähnlich. Überlegen Sie sich genau, wie Ihre Personen heißen. Vor allem eins sollten Sie bedenken: Wenn Sie sich Namen ausdenken, ist die Gefahr groß, dass Sie zunächst ähnliche wählen. Namen, die mit dem gleichen Anfangsbuchstaben anfangen und bei denen dann auch der zweite Buchstabe übereinstimmt. Martin und Manfred, Valcrish und Vaylon. Unser Gehirn arbeitet assoziativ. Es wählt gerne Ähnliches aus, als Erstes fallen uns nicht die neuen, sondern die bekannten Lösungen ein.
Bei Namen wird es zum Problem, wenn die ersten zwei Buchstaben gleich sind. Der Leser verwechselt sie leicht. Achten Sie darauf. Gönnen Sie Ihren Figuren unterschiedliche Namen, die der Leser leicht unterscheiden kann. Vielleicht Narja statt Valcrish? Namen sind wichtig, es lohnt sich, darüber nachzudenken und nicht zum erstbesten zu greifen.
Übung
Welche Bücher haben Sie zuletzt gelesen? Suchen Sie sich eines heraus, das Ihnen besonders gefallen hat und an das Sie sich gut erinnern. Dann entwerfen Sie den Anfang eines Exposés dafür. Lesen Sie möglichst nicht den Klappentext, auch nicht, was auf dem Schutzumschlag steht. Im ersten Schritt dürfen Sie so umfangreich schreiben, wie Sie mögen. Jetzt geht es erst mal um den Anfang.
Dann kommt der schwierige Teil. Streichen Sie alles, was überflüssig ist. Wenn Sie Zweifel haben, erstellen Sie eine Version mit der gestrichenen Stelle und eine ohne. Ist die kürzere noch verständlich? Wenn ja, gut; wenn nein müssen Sie etwas anderes streichen. Hören Sie mit dem Kürzen erst auf, wenn Sie nur noch zwei Sätze auf dem Papier haben. (Na gut, wenn es wirklich nicht anders geht, dürfen es auch drei sein. Aber wirklich nicht mehr).
Beispiel: Humor und Hausverstand erwünscht
Als alleinerziehende Mutter eines an der Schwelle der Pubertät stehenden Sohnes hat es Thessa nicht immer einfach. Auch ihr neuer Job als Referentin einer Hausverwaltung birgt weitere Herausforderungen – und das nicht nur wegen des etwas unnahbaren, aber ziemlich attraktiven Chefs, Michael Hausner, der allerdings ihren legeren Stil nicht in jeder Hinsicht billigt.
Umso mehr schätzt er ihren Verstand, ihre Loyalität und ihren Humor.
Die gemeinsame Arbeit macht Thessa Freude und lässt sie darüber hinwegkommen, dass ihr im fernen Vorarlberg lebender Noch-Ehemann scheinbar wider Willen in eine neue Beziehung mit der jungen Praktikantin Beate schlittert. Zwischen Michael und ihr entsteht indes ein Vertrauensverhältnis, das allerdings ihr Sohn Markus und Michaels Freundin Magda wenig begrüßenswert finden.
Während sich Thessa nicht nur um die zahlreichen Abrechnungen, sondern auch noch um die schwangere Ayse, den Lehrling der Hausverwaltung, kümmert, verbringt ihr Sohn unbeschwerte Ferientage bei seinem Vater, bis dieser eines Tages erfährt, dass eine Freundin aus früheren Tagen in Hamburg verstorben ist und eine vierzehnjährige Tochter hinterlassen hat – seine Tochter.
Wolfgang ist mit dieser Situation erst einmal überfordert und es bedarf Thessas Hilfe, um die Sache mit der unerwarteten Tochter ebenso auf die Reihe zu bringen wie die mit Beate, deren Jobangebot eine ernste Herausforderung für die eben erwachte Liebe der beiden darstellt.
Kaum nach Wien zurückgekehrt, wird Michael die Übernahme einer Hausverwaltungskanzlei angeboten.
In der Person der bisherigen Besitzerin, Judith Stein, erwächst neue Konkurrenz für Thessa, die sich ihre Gefühle für Michael langsam eingesteht, der ebenso trickreichen wie gut aussehenden Judith jedoch vorerst nicht gewachsen scheint.
Doch auch Michael wird langsam klar, dass er sich doch längst entschieden hat, und so siegen Herz und Hirn über intrigante Verführungskünste, und zum Weihnachtsfest gibt’s nicht nur eine Überraschung, sondern auch noch zwei glückliche Paare.
Lektorat
Das Ende ist klar: Thessa und Michael kriegen sich. Schön. Aber ein Buch besteht nicht nur aus dem Schluss. Was geschieht dazwischen? Und vor allem, womit fängt die Geschichte an? Der Anfang setzt ja eine Geschichte in Gang, die im Schluss endet und so eine Klammer bildet. Der Anfang stellt eine Frage, die der Schluss beantwortet.
Und was ist hier die Frage? Thessa hat einen neuen Job. Und einen Noch-Ehemann. Das lässt vermuten, dass die beiden sich getrennt haben. Endgültig? Auf Zeit? Wegen des Jobs? Im Exposé steht das nicht. Dabei wäre das entscheidend.
Auch sonst fehlt da einiges. Der Noch-Ehemann hat eine jüngere Freundin. Da wir aber nicht wissen, welchen Stand die Beziehung zwischen Noch-Ehemann und Thessa hat, können wir die Bedeutung dessen schwer einschätzen. Was ist daran wichtig für das Buch? Wieso stört diese Beziehung Thessa so, dass sie „darüber hinwegkommen“ muss?
Als alleinerziehende Mutter eines pubertierenden Sohnes hat es Thessa nicht immer einfach. Zwar hat sie sich gerade von ihrem Mann getrennt, der aus Enttäuschung daraufhin nach Vorarlberg entfloh, dennoch telefonieren die beiden jeden Tag miteinander.
Das wäre eine Möglichkeit, dieses Verhältnis darzustellen und damit dem Leser zu sagen, wie die Geschichte anfängt. Ich habe die Ausgangssituation klargestellt. Und ich habe etwas gekürzt.
Ist es Ihnen aufgefallen? Falls nicht, lesen Sie nochmals den Originaltext.
Ich habe aus der „alleinerziehenden Mutter eines an der Schwelle der Pubertät stehenden Sohnes“ die „alleinerziehende Mutter eines pubertierenden Sohnes“ gemacht. Auch in Exposés sollte man auf Stil und Lesbarkeit achten. Vor allem, wenn es an einen Verlag oder Agenten geschickt wird.
Der Anfang ist ein wichtiger Eckpunkt jedes Exposés. Von wem erzählt die Geschichte? Und was ist das Problem?
Dieser Anfangspunkt legt nämlich nicht nur fest, welcher Art die Geschichte ist, sondern auch die Folgen. Thessa und ihr Noch-Ehemann haben sich getrennt, hängen aber noch aneinander. Dann bandelt der Ex mit der Praktikantin an. Thessa erzählt er, er „sei in die Geschichte hereingeschlittert“. Was man im Exposé durchaus so formulieren sollte, damit klar wird: Das behauptet der Ex, das will Thessa glauben, aber so ist es nicht.
Unsere Geschichte handelt also davon, dass sich Thessa und ihr Ex-Ehemann neu verlieben. Doch die alten Bindungen sind noch viel fester, als beide wahrhaben wollen. Obendrein hat Thessas attraktiver Chef Michael leider bereits eine Freundin, Marga. Zunächst knistert es also nur zwischen Chef und Referentin.
Und wo bleibt diese Freundin Marga? Das erfahren wir in der Geschichte nicht, wäre aber wissenswert. Geht Michael ein heimliches Verhältnis mit Thessa ein, weil er sich von Marga nicht trennen will? Trennt sich Marga von Michael? Was auch immer hier passiert, es wäre erwähnenswert.
Markus findet natürlich nicht gut, was sich zwischen seiner Mutter und deren Chef entwickelt. Verständlich, welcher pubertierende Sohn ist begeistert, wenn seine Eltern sich trennen und dann hat die Mutter plötzlich einen Freund. Hier braucht es keine weiteren Erklärungen. Außer vielleicht eine Erwähnung der Folgen, falls es gravierende gibt. Wenn er in Folge davon plötzlich zu klauen anfängt. Oder zu haschen. Oder …
Doch Thessa hat Glück. Laut Exposé ereignet sich nichts davon. Wir haben ja auch keinen Entwicklungsroman, sondern eine Liebesgeschichte.
Dann verstirbt eine Ex-Freundin des Ex-Mannes und hinterlässt eine Tochter. Der Ex ist überfordert und Thessa fühlt sich verpflichtet, einzugreifen. So weit hat sie sich von ihrem Ex ganz offenbar noch nicht gelöst.
Hier gibt es ein Problem. Was sagt Michael dazu? Haben die beiden Krach? Und warum? Weil Thessa ihre Arbeit vernachlässigt? Weil Michael plötzlich das Gefühl hat, die zweite Geige zu spielen? Was sagt Markus zu der plötzlich aufgetauchten Halbschwester?
Jede Menge Möglichkeiten für einen Autor. Und die sollten genutzt werden.
Merken Sie übrigens etwas? Ich habe Michaels und Thessas Liebesgeschichte vorgezogen. Im Exposé kommt die erst sehr spät in Gang. Aber da die Liebesgeschichte der zentrale Punkt der Geschichte ist, würde ich sie auch sehr viel früher einführen. Zumindest ein wenig. Es knistert zwischen den beiden, aber sie fallen sich nicht gleich in die Arme.
Dann fährt Thessa zu ihrem Ex. Nichts, was einer neuen Liebe förderlich wäre. Sie hängt noch an der alten Beziehung, Michael wird das nicht freuen. Thessa muss sich hier entscheiden. Und ihr Mann auch. Nimmt er die Tochter in sein Haus auf? Wie gestaltet sich die neue Beziehung mit Beate? Die wird dadurch belastet, aber was folgt daraus?
Apropos: Wieso kümmert das Thessa? Ist sie verpflichtet, die Liebe ihres Noch-Ehemannes zu flicken? Oder ist das ein Zeichen dafür, dass sie sich doch noch nicht von Wolfgang gelöst hat und sich endlich zwischen ihrem Ex und Michael entscheiden muss?
Vielleicht ist diese Geschichte nicht nur die Geschichte von Thessa, sondern auch von ihrem Noch-Ehemann? Falls ja, sollte das Exposé den Ex etwas lebendiger vorstellen. Bisher ist er jedenfalls ziemlich passiv. Er schlittert in eine Beziehung mit der Praktikantin, ist überfordert von der Tochter, kann seine Liebe zu Beate nur durch seine Ex retten.
Ein wenig zu viel Passivität für mein Gefühl. Wenn die Geschichte nicht jemanden schildern soll, der nie zu Entscheidungen fähig ist, sollte man das ändern. Ihn auch hin und wieder handeln lassen.
Dann kommt das nächste Problem: Judith taucht auf. Sie ist ebenfalls an Michael interessiert. Und Thessa ist ihren Tricks zunächst nicht gewachsen. Was heißt das? Welche Tricks sind das? Ein Beispiel würde das Exposé sehr beleben. Am besten schildern Sie kurz ein Problem.
In Hamburg haben sich Thessa und Wolfgang nicht nur um Wolfgangs Tochter gekümmert, sondern sind sich auch sonst wieder nähergekommen. So nahe, dass sie im gleichen Zimmer übernachtet haben. Judith beauftragt einen Privatdetektiv und legt Michael die Beweise vor.
Was eine weitere Möglichkeit aufzeigt: Warum Judith erst nach Hamburg in die Geschichte einführen? Warum nicht gleich von Anfang an Judith einführen statt Marga, die Freundin, die sowieso im Nirwana entschwindet? Dass Tessa nach Hamburg fährt und sich um die uneheliche Tochter ihres Ex kümmert, wird dann der Konflikt, um den sich alles dreht?
Auch im Liebesroman gibt es Konflikte. Okay, die Helden müssen nicht wie im Thriller die Welt retten. Aber dafür ihre Liebe finden, und das ist, wie jeder weiß, oft weit schwieriger. Auch im Liebesroman sollten sie ihre Konflikte nutzen und sie steigern.
Wenn ein attraktiver Mann und eine sympathische Frau im Roman auftauchen, wollen die Leser, dass die beiden sich kriegen. Ihre Aufgabe als Autor oder Autorin ist es, das so lange wie möglich zu verhindern. Und machen Sie es ihren Helden nicht zu einfach. Thessa und Michael haben alte Beziehungen. Die ziehen sie wie ein Gummiband immer wieder auseinander. Und eine Intrigantin tut das ihre, dass es den beiden nicht leicht fällt, zueinander zu finden. Sehr gut! Dass man sich erst aus alten Beziehungen lösen muss, bevor man neue eingehen kann, das kann jeder Leser, jede Leserin nachempfinden. Nutzen Sie das.
Zu guter Letzt: Wir haben auch hier gleichklingende Namen, alle mit „M“. Nämlich Michael, Magda und Markus.
Übung
Suchen Sie sich jetzt ein Buch heraus, das Ihnen nicht gefallen hat, an das Sie sich aber gut erinnern (ich weiß, das ist schwierig). Entwerfen Sie dafür den Anfang eines Exposés. Lesen Sie möglichst nicht den Klappentext, auch nicht, was auf dem Schutzumschlag steht. Auch hier beginnen Sie ohne Begrenzung und streichen erst dann den Anfang auf zwei Sätze zusammen.
Ist das schwieriger als die vorige Aufgabe? Vermutlich. Möglicherweise können Sie gar keinen vernünftigen Anfang formulieren? Dann fragen Sie sich: Wie könnte dieses Buch beginnen, wenn es besser wäre? Was könnte ein sinnvoller Anfang sein, auch wenn das dem Buch nicht entspricht?
Was steht auf dem Spiel?
In Geschichten steht etwas auf dem Spiel. Die Seele des Faust im „Faust“. Die Jugendliebe in „Slumdog Millionaire“. Die Rettung der Juden in „Schindlers Liste“. Die Erinnerung an die eigene Identität in „Splitter“. Die Rückkehr in die Heimat in der „Odyssee“.
Was steht in Ihrem Manuskript auf dem Spiel? Natürlich können Sie mir jetzt sagen: gar nichts. Ich will nicht reißerisch schreiben, ich bin Literat.
Leider ein Irrtum. Sehen Sie sich die Literaturgeschichte an. In allen Werken, die überdauert haben, geht es um etwas. Um die Liebe in Shakespeares „Romeo und Julia“. Wer sagt, er wolle „nur Alltägliches“ schreiben, der lügt sich selbst in die Tasche. Selbst im Alltag geht es um etwas. Kommt mein Kind aufs Gymnasium? Gewinne ich die Liebe einer Frau? Werde ich den Job kriegen, den ich so gerne haben möchte? Ist der Knoten in meiner Brust Krebs?
Leben war immer schon lebensgefährlich, meinte Erich Kästner. Er hatte recht.
Wer sich der Frage nicht stellt, was in seiner Geschichte auf dem Spiel steht, hat möglicherweise gar keine. Oder weicht ihr aus. Jedenfalls sollten Sie die Frage beantworten, wenn Sie ein gutes Exposé schreiben wollen.
Beispiel: Zeitjunkie
Wer wünscht sich nicht, er hätte mehr Zeit als die 24 Stunden jeden Tag? Am liebsten zusätzliche Zeit, von der keiner etwas erfährt. Annette Pelmer wird dieses Glück von der Fee Mandragora beschert, und dennoch wünschte sie sich am Ende, sie hätte nie etwas von dieser Fee oder von dem Zeitmedaillon erfahren.
Annette Pelmer ist verheiratet und führt als dreifache Mutter das Leben einer gewöhnlichen Hausfrau mit überladenem Terminkalender, bis die Fee Mandragora sie mit ihrem ungewöhnlichen Geschenk in Versuchung führt. Ein paar zusätzliche Stunden per Knopfdruck. Wenn sich das Zeitfenster schließt, ist alles wieder wie zuvor.
Die Fee wettet mit ihr, dass sie sich über das Jahr hinweg von ihrem boshaften Mann und von ihren Kindern trennen wird; Annette hält dagegen, denn sie liebt ihre Kinder. Erst durch die Wette mit der Fee, die den Einsatz ihres Lebens fordert, begreift Annette allerdings, dass sie den Schlüssel zum Reich der unbegrenzten Möglichkeiten in Händen hält – ganz ohne Risiko. Sie nutzt das Wissen um die nahe Zukunft für spirituelle, sexuelle und ungewöhnliche Entdeckungen. Sie wird zum Zeitjunkie.
In der realen Zeit erfährt sie zunehmend ihr Dasein als angepasste Persönlichkeit, im gleichen Maße fällt es ihr schwer, diese Rolle zu erfüllen. Anfangs trennt sie ihren Dr. Jekyll und Mr. Hyde säuberlich.
Dann lernt sie durch ihre extremen Erlebnisse in den Zeitfenstern Klaus, den Polizisten, kennen und verliebt sich nach und nach in ihn. Er allerdings kann sich an sie nicht erinnern, denn außerhalb der Zeitfenster haben sie keinerlei Kontakt. Sie will ihm real begegnen, allerdings weiß sie nicht, was sie als Mensch und als Frau zu bieten hat, denn außer ihren Kinder gab es nichts in ihrem Leben. Er soll sie auch real kennen und lieben lernen. Dadurch allein entdeckt sie ihre Liebe zur Botanik und ihre Freude am Segeln.
Annette bedient das Medaillon lustloser und gezwungenermaßen durch die Wette.
Klaus will sie mit auf seine Reise um die Welt nehmen, ohne die Kinder und vor allem vor Ablauf der Jahresfrist. Annette ist jedoch einen Pakt mit der Fee eingegangen. Um sich zu befreien, muss Annette das Medaillon nutzen und ihren Mann ertragen oder die Wette und damit ihr Leben verlieren.
Lektorat
Manche Ideen sind einfach zu faszinierend. Da muss man doch ein Buch draus machen! Doch wie? Denn eine Idee ist zwar ein guter Kristallisationspunkt für eine Geschichte – aber eben noch keine Geschichte. Geheime Zeit, die nur mir gehört und die ich ein- und ausschalten kann. Die mir Freizeit verschafft, aber auch Freiheit. Dort kann man all das ausleben, was man im Alltag nicht kann.
Aber was sind „extreme Erlebnisse“? Das genau wäre die Geschichte, das genau möchte der Leser des Exposés wissen.
Wie baut man aus einer Idee eine Geschichte? Daran fehlt es in obigem Beispiel. Zwar wettet die Fee, dass es Annette nicht schafft – doch was steht dabei auf dem Spiel? Das verrät uns das Exposé nicht. Obendrein könnten Klaus und Annette die Fee eigentlich leicht austricksen. Sie müssen nur ein Jahr Geduld haben. In dem Jahr können sie sich in den zusätzlichen Stunden treffen. Die Weltreise könnte man danach antreten. So sehr eilt es dann doch nicht.
Eine Geschichte braucht etwas, das auf dem Spiel steht. Wir haben einen Verführer – die Fee –, und wie jeder Verführer hat er etwas zu bieten. Was will er dafür? Mephisto wollte Fausts Seele. Gehen wir mal davon aus, dass auch die Fee Mandragora ähnliche Ambitionen hat.
Sie bietet also Annette die Freizeit und die Möglichkeit an, sich selbst in ganz neuen Rollen zu erproben. Konsequenzen muss sie nicht fürchten, denn sie kann jederzeit zurück in die Normalzeit flüchten. Aus dem angepassten Hausmütterchen wird ein Vamp, der in der Auszeit die Männer ausnutzt, so, wie sie selbst in der Normalzeit ausgenutzt wird? Das hätte was.
Haben Sie meinen Trick gemerkt? Ich habe die Frage auch nicht beantwortet. Was will die Verführerin im Gegenzug für ihr Geschenk? Shakespeares Shylock wollte ein Pfund Fleisch nahe des Herzens, aber das, betonte er, sei ja nur ein Spaß. Das, was der Verführer will, ist anfänglich immer nur ein Spaß. Keine Sorge, diese Bedingung muss nie erfüllt werden, sagt er.
Die Wette fordert „den Einsatz ihres Lebens“, sagt das Exposé. Ein wenig allgemein, denn was wird konkret passieren, wenn Annette diese Wette verliert? Nimmt ihr die Fee dann das Leben? Aber welche Vorteile hat eine Fee von einer toten Annette? Oder will sie ihre Seele, weil sie sich von Seelen ernährt? Oder ist sie der weibliche Satan, der Brennstoff für sein Fegefeuer braucht? Was auf dem Spiel steht und was die Fee denn nun will, das würde der Leser gerne wissen. Das muss er wissen, wenn er das Exposé beurteilen soll.
Was könnte es hier sein? Wir brauchen etwas, das zunächst harmlos erscheint, aber später existenziell wird. Das seine tödliche Bosheit erst später enthüllt. Vielleicht fordert die Fee, dass Annette ihren Mann nie verlassen darf, sich in der Auszeit nicht verlieben darf? Sonst überantwortet sie ihre Kinder der Fee?
Nichts einfacher als das, denkt Annette und schlägt ein. Zunächst geht alles gut, sie nutzt die Auszeit, um ihre geheimen Wünsche auszuprobieren. Ihren Mann und ihre Kinder wird sie deshalb nicht verlassen, Gott bewahre. Doch dann trifft sie den Polizisten Klaus, den Mann ihres Lebens, der so ganz anders ist als das Exemplar, das zu Hause auf sie wartet. Die große Liebe ihres Lebens, wird sie dafür ihre Kinder der Fee überantworten? Oder zurück zu ihrem Mann gehen, den sie nicht mehr liebt, ihrer Kinder wegen?
Das wäre ein Möglichkeit. Es ist nicht die einzige. Die andere wäre, bei Dr. Jekyll und Mr. Hyde anzusetzen, das wurde im Exposé schon angesprochen. In der Realität ist Annette eine aufopfernde Ehefrau und fürsorgliche Muter. In der Auszeit ein Vamp, der auf nichts und niemanden Rücksicht nimmt. Anfänglich trennt sie beide Rollen sauber. Doch irgendwann agiert sie auch in der Realität als Vamp.
Das ist eine zweite Möglichkeit. Sicher gibt es noch andere. Wenn Sie eine gute Idee haben, aber noch keine Geschichte dazu, lohnt es sich, einfach möglichst viele Varianten durchzuspielen. Die besten sind immer die, in denen ihre Idee existenzielle Konsequenzen hat. In denen es um etwas geht.
Wie findet man die? Am ehesten dadurch, dass man die Konsequenzen der Idee durchspielt. Was könnte schlimmstenfalls passieren, wenn ein Hausmütterchen zusätzliche Auszeit bekommt, ohne Konsequenzen ihres Tuns zu fürchten?
Lohnend ist auch, sich zu überlegen, an welche Mythen die Idee anknüpft. In unserem Fall ist es der Verführer, der Teufel, der ein Geschenk bereithält. Die Konsequenzen des Geschenks zeigen sich erst später. Der „Faust“ und zahlreiche Teufelssagen geben dafür einen guten Hintergrund ab und liefern Ideen, an die man anknüpfen kann.
Fällt Ihnen noch etwas an dem Exposé auf und an dem, was ich vorgeschlagen habe?
Weder das Exposé noch meine Ausführungen sagen, wie die Geschichte ausgeht. Darf man das? Muss ein Exposé nicht immer den Schluss verraten?
Standardexposé, Kurzexposé und Klappentext
Normalerweise enthält ein Exposé Anfang und Schluss einer Geschichte und die wichtigsten Wegmarken, wie man vom Anfang zum Schluss gelangt. Doch darf man den Schluss offen lassen? Darf man das Exposé so schreiben wie einen Klappentext? Einfach so, dass es neugierig auf den Text macht, aber den Schluss nicht verrät?
Wie viele Fragen gehört auch diese zu denen, auf die es verschiedene Antworten gibt. Und oft werden heftige und lange Glaubensfragen darüber ausgefochten. Auf keinen Fall, sagen die einen. Doch, geht schon, sagen die anderen. Beide haben gute Argumente.
Ein Exposé soll die Geschichte darstellen, soll einen Leser (und vor allem einen professionellen Leser wie einen Lektor) davon überzeugen, dass die vorgestellte Geschichte sich nicht im Nirwana verliert, also einen Schluss hat, und wie dieser aussieht. Deshalb immer im Exposé den Schluss verraten, sagen die einen.
Ein Exposé soll Appetit auf die Geschichte machen, und wie kann man das besser als dadurch, dass man eine offene Frage in den Raum stellt, sagen die anderen.
Ich kenne Autoren, die haben ihre Manuskripte mit einem Klappentext verkaufen können. Die meisten sind allerdings mit dem klassischen, vollständigen Exposé erfolgreich geworden.
Kommt drauf an, würde ich also die Frage beantworten. Wer wirklich gute, packende Klappentexte schreiben kann, sollte das tun. Wer das nicht kann, sollte besser zum Standardexposé greifen. Wer Zweifel hat, sollte einfach erst mal beides versuchen. Und dann beide nebeneinander legen. Welche Version macht mehr Lust darauf, den Text zu lesen? Im Zweifelsfall legen Sie beide Fassungen Freunden oder, noch besser, anderen Autoren vor.
Wenn die Zweifel bleiben, wenn das Exposé nicht stark genug ist, um ohne Ende zu wirken, sollten Sie zum Standard greifen.
Aber es gibt auch noch eine dritte Möglichkeit, die sich Kurzexposé nennt. Das hat maximal eine halbe Seite (nicht mehr als 800-900 Anschläge) und ist quasi eine Kreuzung zwischen Exposé und Pitch. Das Kurzexposé verrät sehr viel weniger über die Handlung, ähnelt sehr viel mehr einem Klappentext. Wie der Pitch soll es Appetit machen. Dort müssen Sie das Ende nicht verraten.
Und viele Agenten schätzen ein Kurzexposé, das vor dem eigentlichen Exposé beiliegt. Sehen Sie sich dazu die Interviews im hinteren Teil dieses Buches an und die Aufstellung der nötigen Unterlagen für Agenten und Verlage im Anhang.
Übrigens wollen die Agenten, die ich interviewt habe, den Schluss wissen – weisen aber darauf hin, dass das beim Kurzexposé nicht nötig ist.
Es gibt aber auch Lektoren, die sagen, dass bei Spannungsliteratur der Schluss offen bleiben kann. Auch Lektoren sind nicht alle gleich. Auch sie haben ihre Vorlieben. Nicht alles, was Lektor Meier sagt, gilt auch für Lektorin Müller.
Übung
Haben Sie noch Ihre Bücher von den vorigen Übungen? Nehmen Sie sich diese noch einmal vor. Formulieren Sie, worum es in beiden geht. Was auf dem Spiel steht. Setzen Sie sich am Anfang keine Beschränkung bezüglich des Umfangs. Erst dann, wenn Sie es geschrieben haben, kondensieren Sie es zu einem Satz. Fertig?
Jetzt fügen Sie es in den Anfang ein, den Sie für beide Bücher formuliert haben. Damit haben Sie einen Exposé-Beginn, der den Protagonisten beschreibt und worum es geht.
Show don’t tell im Exposé
Exposés sollten knapp sein. Das verführt dazu, Dinge nicht ausführlich zu zeigen, sondern sie zu behaupten. Allgemein zu sagen: „Martin findet seine große Liebe und wird von Marias Leidenschaft gepackt“, anstatt zu zeigen, wie das passiert.
Doch show, don’t tell (zeigen, nicht behaupten) ist der wichtigste Satz für Autoren. Er gilt nicht nur für Texte, sondern auch für Exposés.
Natürlich sollte ein Exposé kurz sein. Oft sind Behauptungen kurz. Aber auch wenn man Dinge zeigt, muss das nicht immer länger sein. Dafür aber anschaulicher. Und vor allem können Sie nur so das Besondere Ihres Manuskripts zeigen. Liebesromane gibt es viele, warum sollte ein Verlag ausgerechnet Ihren drucken? Weil er etwas Besonderes ist. Und das Besondere muss im Exposé stehen.
Außerdem verbergen allgemeine Behauptungen den Plot. Sie berauben sich damit der Möglichkeit, Ihr Manuskript zu prüfen. Bleiben Sie also auch im Exposé konkret. Zeigen Sie, warum Ihre Hauptfiguren tun, was sie tun; zeigen Sie, was der Konflikt ist.
Natürlich soll nur das Wesentliche gezeigt werden. Einzelheiten, die nicht den zentralen Punkt der Geschichte betreffen, müssen Sie nicht ausführen, oft können Sie sie sogar ganz weglassen. Wenn der Detektiv im Labor seine alte Kindergartenliebe wiedertrifft, kann das eine gute Szene sein. Im Exposé hat sie dennoch nichts zu suchen.
Beispiel: Sturmflut, Kurzexposé
Wow, wie eine überraschende Flut überschüttet Eric Mross Shelbys Leben. Verändert ihr ganzes Dasein auf eine Weise, wie sie es sich nicht zu träumen wagte.
Doch so überraschend, wie er in ihr Leben geplatzt kam, so tritt er auch wieder aus ihrem Leben und hinterlässt ein tiefes Loch von Trauer und Einsamkeit.
Er hinterlässt ihr aber auch die Verantwortung für ein junges, noch nicht geborenes Leben, und das ist nur der Anfang.
Lektorat Kurzexposé
Hier hat mir der Autor ein Kurzexposé und eine lange Version vorgelegt, etwas, das leider die meisten nicht tun. In wenigen Sätzen wird das Projekt im Kurzexposé vorgestellt.
Was halten Sie davon? Gibt es Ihnen eine Vorstellung von dem Projekt? Würden Sie es sich näher ansehen, wenn Sie in einer Buchhandlung nach Lektüre suchen?
Ich nicht. Weil viel behauptet wird, aber wenig verraten. Der erste Satz darf durchaus allgemein sein, der könnte stehen bleiben.
Aber was sagt der Rest? Eric Moss verändert Shelbys Leben. Dann verschwindet er wieder daraus und hinterlässt ein tiefes Loch. Und schließlich gibt es noch die Verantwortung für ein nicht geborenes Leben.
Schön, und was passiert? Das sind (noch) Behauptungen, die auf Tausende Manuskripte zutreffen.
In der längeren Version werden Sie etwas mehr über die Geschichte erfahren. Ein Todesfall, der keiner ist, eine Schwiegermutter, die alles hat, was man bei bösen Schwiegermüttern erwarten darf.
Versuchen wir’s doch mal:
Wie eine überraschende Flut überschüttet Eric Mross Shelbys Leben. Plötzlich ist sie nicht mehr die toughe Singlefrau, die sich durch keine Gefühle aus der Bahn werfen lässt. Da sind die Schmetterlinge im Bauch, und sie vergisst sogar ihre peinlich genaue Verhütung. Doch Mross stirbt und lässt Shelby mit einem ungeborenen Kind zurück, obendrein mit einer Schwiegermutter, die sich liebevoll um sie kümmert. Leider aus Gründen, die keineswegs selbstlos sind – und auch Mross ist nicht so tot, wie es schien.
Besser?
Ein wenig. Aber es fehlt noch einiges. Was ist da mit der Schwiegermutter, was ist mit dem toten – untoten Mross?
Ich weiß es nicht. Denn das fehlt auch in der langen Version des Exposés. Schauen wir uns das mal an:
Beispiel: Sturmflut, lange Version
Ist es Zufall, war es Schicksal, das sich beider Leben, das von Eric Mross und Shelby Brains, kreuzten?
Plötzlich ist er da und ihr Leben bekommt einen völlig anderen Lauf. Eben noch die toughe Singlefrau, doch auf einen Schlag gerät ihr Gefühlsleben vollkommen aus der Bahn. Vom ersten Augenblick, als sie Eric Mross in die Augen schaut, spürt sie dieses Wow, und ein Kribbeln zieht durch ihren Körper.
Doch Eric Mross ist kein Mann ohne tiefgreifende Vergangenheit, er hat gerade seine Lebenspartnerin verloren und kämpft um das Sorgerecht seines nicht leiblichen Sohnes. Eigentlich hat er keine Zeit für wilde, verunsichernde Gefühle, doch auch er spürt in Anwesenheit von Shelby die Energie der Liebe, der er sich auf Dauer nicht entziehen kann.
Es beginnt ein Spiel aus Verzicht und Widerwillen. Am Ende siegt die Liebe. Doch diese junge Liebe hat herbe Widersacher in Gestalt seiner Mutter, Theresa Mross.
Ein unerbitterliches Schicksal kommt Theresa zur Hilfe, und sie bekommt die Möglichkeit, Shelby und Eric für immer zu trennen. Denn Eric Mross, der den Sorgerechtsstreit verliert, bricht mitten im Gerichtssaal zusammen.
Shelby bangt um sein Leben, und dann die unerbitterliche Wahrheit, Eric Mross ist tot. Als sie aber erfährt, schwanger zu sein, legt sich dieses Kind wie ein Segen auf ihre Seele.
Doch Theresa Mross ist dieses Kind ein Dorn im Auge, sie lässt nichts unversucht, Shelby zu einer Abtreibung zu zwingen.
Shelby flieht vor der tyrannischen Mutter von Eric und kehrt zurück in ihr altes Leben. An der Seite von Tom Behringer, ihres Ex, findet sie einen wahren Freund.
Schon bald aber steht Theresa Mross wieder vor Shelbys Tür, doch diesmal verbirgt sie sich unter dem Deckmantel der Freundschaft. Durch einen perfekt eingefädelten Plan gelingt es ihr sogar, Shelby in eine Ehe mit Tom zu treiben. Kurze Zeit später bringt Shelby ein gesundes Mädchen zur Welt.
Jahre vergehen und sie glaubt tatsächlich wieder zu ihrem Glück zurückgefunden zu haben.
Plötzlich aber geschieht etwas, was Shelby erneut aus dem Gleichgewicht bringt. Schlimmer konnte die Erkenntnis nicht sein. Eric Mross lebt. Dieses Bewusstsein reißt Shelby in einen Strudel von Wut und Verzweiflung. Ihr ganzes Leben gerät erneut aus den Fugen, denn das Fundament ihres Lebens ist eine vernichtende Lüge.
Zunächst versucht sie sich vor der Wahrheit zu verschließen und setzt alles daran, ihre bisher glückliche Ehe mit Tom aufrecht zu erhalten. Doch Shelby weiß, sie muss sich der Vergangenheit stellen, so kommt es schließlich zu einem Treffen mit Eric. Sofort fühlt sie wieder dieses einzigartige, vertraute Gefühl in ihrem Herzen.
Eric jedoch verschließt sich vor jeder Art von Gefühlen, hat nur den stetigen Wunsch, Shelby noch einmal zu sehen, um sich von ihr für immer zu verabschieden.
Völlig zerrissen kehrt Shelby zu Tom zurück und erklärt ihm, dass es vorbei ist, Eric ist nicht länger eine Gefahr für ihre Ehe.
Tom kann kaum sein Glück fassen, doch viel zu schnell erkennt er, dass es nicht das ist, was Shelby wirklich will, er zieht seine Konsequenzen daraus, beichtet Shelby ein Geheimnis, was auch gleichzeitig das Ende ihrer Ehe bedeutet. Doch nicht genug, nun erfährt Shelby auch noch, dass Tom schon lange zuvor wusste, dass Eric am Leben ist. Und sie bekommt einen Einblick über die perfiden Machenschaften Theresas.
Völlig außer sich eilt sie zurück zu Eric. Doch er, der vom Leben nichts mehr zu erwarten hat, ist entschlossen, dieses zu beenden. Dieser Plan misslingt, denn sein Bruder Ralf rettet ihn in letzter Minute.
Shelby nimmt Eric zu sich, hofft nun endlich das Leben führen zu können, was ihr von Theresa Mross gestohlen wurde. Doch Eric ist ein gebrochener Mann, voller Mitleid und Selbstzweifel, sodass er die Liebe Shelbys und seiner Tochter verschmäht.
Shelby leidet darunter, eine gut funktionierende Ehe beendet zu haben, denn Eric Mross ist scheinbar nicht mehr fähig zu tief greifenden Gefühlen.
Noch gerade rechtzeitig erkennt Eric Mross, dass er im Begriff ist, das letzte Gute in seinen Leben zu verlieren. Er löst sich von seinem Schattendasein und erkennt das Glück an, endlich eine eigene Familie zu haben. Als er aber erfährt, dass sein ganzes widerfahrendes Unglück seiner Mutter zuzuschreiben hat, ist er außer sich vor Wut. Er ist besessen davon, seine Mutter zur Rechenschaft zu ziehen. Doch Theresa hat nicht vor, sich zu rechtfertigen, sie erklärt ihren Plan für gescheitert, zieht daraus ihre Konsequenzen und nimmt sich unter den Augen der Öffentlichkeit das Leben.
Eric, der anfangs wie gelähmt erscheint, findet auch noch nach ihrem Tod einen eigenen Weg der Abrechnung.
Nun endlich kann es beginnen, das Leben, was ihm vor langer Zeit gestohlen wurde.
Ort und Zeit der Handlung: Santa Barbara / San Francisco im Jahr 1990.
Lektorat
Die böse Schwiegermutter lässt sich nicht zur Rede stellen – sie bringt sich am Ende um. Wow, das hat wirklich etwas.
Vorher erklärt sie noch ihren Plan für gescheitert, wenn das kein Finale ist!
Doch welcher Plan scheitert? Und warum treibt sie die Geliebte ihres Sohnes in die Heirat mit einem anderen? Genau das erfahren wir nicht. Das zu wissen, wäre aber wichtig. Was will Theresa? Auf jeden Fall, dass Shelby Tom heiratet. Das zumindest ist ihr gelungen. Shelby zur Abtreibung zu zwingen, misslingt dagegen.
Jedenfalls hat die Dame genug interessante Ecken und Kanten. Wer eine gute Antagonistin hat, sollte mit diesem Pfund wuchern. Da Theresa am Ende das Finale bestimmt, sollte sie auch am Anfang des Exposés auftauchen. Was will die Dame?
Will sie ihren Sohn für sich? Ist jede Frau in seinem Leben eine Bedrohung für sie? Haben wir hier „Psycho“ mit einer real existierenden Mutter? Wir erfahren es nicht. Die wichtigste Figur und ihre Pläne bleiben geheim.
Geheim bleibt auch, wie Eric es schafft, im Gerichtssaal zusammenzubrechen, dann zu sterben und später wieder höchst lebendig Shelby die Schmetterlinge im Bauch flattern zu lassen. Offenbar hatte auch er ein Interesse daran, Shelby den Tod vorzugaukeln. Warum? Hat er Angst vor den Gefühlen? Bedroht Shelbys Liebe, die Gefühle, die sie in ihm weckt, sein Leben? Ist der Schock des verlorenen Sorgerechtsprozesses so groß, dass er den eigenen Tod vortäuscht? Und noch mal, wie macht er das? In Zeiten von ärztlichen Todesanzeigen, von Kliniken mit ausgefeilten Wiederbelebungstechniken nicht ganz so einfach.
Und was ist mit der Mutter des nichtehelichen Sohnes? Ist an deren Schicksal auch Theresa schuld? Diese Geschichte klingt interessant, aber erweckt den Verdacht, dass der Autor sie nicht durchdacht hat und dass deshalb wichtige Punkte nebulös bleiben.
Wenn in Ihrem Exposé wichtige Dinge behauptet werden, statt dass Sie sie dem Leser zeigen, hat der Leser den Eindruck, dass hier Plotlöcher versteckt wurden. Vor allem Lektoren, die genügend solcher Exposés lesen müssen, verlieren spätestens hier das Interesse.
Das sollten Sie vermeiden. Zeigen Sie uns, was wirklich passiert in Ihrer Geschichte. Beweisen Sie, dass Sie sie durchdacht haben – und sich selbst, dass Ihre Geschichte fertig ist. Wenn Sie allerdings an solchen Stellen Plotlöcher entdecken, sollten Sie sie stopfen. Und nicht mit allgemeinen Behauptungen übertünchen.
Hier haben wir eine gute Idee mit einer fiesen, intriganten Antagonistin – aber kann der Autor die dunklen Punkte der Geschichte auch füllen? Oder sind das nur Behauptungen wie der beliebte Satz von Autoren über ihr Manuskript: „Ein mitreißender Roman voller Liebe, Tragik, Verlangen und Verzicht“?
Ein Roman braucht einen roten Faden, eine innere Logik. Die muss nicht unserer alltäglichen Logik entsprechen, sie darf ruhig dramatisch, sogar melodramatisch sein. Aber sie muss schlüssig sein. Der Leser muss in den Roman eintauchen können, muss dem Autor Dinge glauben, die er im Alltag niemandem glauben würde.
Das Exposé erweckt den Eindruck, dass ein Leser die ganze schöne Geschichte vielleicht nicht glauben würde – weil der Autor sie nicht glaubhaft machen kann. Und dass der Leser das Buch beiseite legen und allen Freunden erzählen wird: „Was für ein melodramatischer Kitsch!“
Schade. Denn diese Geschichte lohnt sich, sie wasserfest zu machen. Aber das muss noch getan werden. Zumindest im Exposé. Möglicherweise auch im Text.
Noch eine Bemerkung zum Schluss. Gerne werden solche Liebesromane abfällig als Schund bezeichnet. Wer gibt schon gerne zu, Rosamunde Pilcher zu lesen? Niemand, obwohl sie sich hunderttausendfach verkauft. Vermutlich an Außerirdische?
Auch ein Liebesroman ist nicht einfach zu schreiben. Auch er benötigt Ideen, einen roten Faden, Figuren. Wie wichtig das ist und dass das keineswegs so einfach ist, wie viele meinen, das zeigt dieses Exposé.
Und wer glaubt, Liebesromane seien „einfach herunter geschrieben“, sollte mal versuchen, einen zu schreiben. Dass Pilcher so erfolgreich ist, liegt auch daran, dass das nicht ganz so einfach ist.
Der Ort des Geschehens
Wo spielt Ihre Geschichte? Das ist nicht unwichtig, der Ort ist der Hintergrund und er bestimmt die Geschichte. Eine Liebesgeschichte in Ägypten spielt sich anders ab als eine in den USA.
Sie müssen den Ort des Geschehens kennen. Sonst wirkt Ihre Geschichte schnell flach. Ohne glaubhaften, ohne anschaulichen Hintergrund können die Figuren nicht leben, kann die Geschichte keine Spannung gewinnen.
Deshalb sind Lektoren skeptisch, wenn Autoren ihre Geschichten in fremden Ländern ansiedeln. Zu Recht. Für „Sturmflut“ hat der Autor mit 1990 und Santa Barbara / San Francisco den Hintergrund festgelegt. Das sollten Sie auch tun, wenn sich aus dem Exposé Zeit und Ort nicht explizit ergeben.
Aber warum Santa Barbara? Könnte die Geschichte auch in Deutschland spielen? Soweit ich sie aus dem Exposé kenne, wäre das möglich. Wenn Ihre Geschichte auch in Deutschland spielen kann, sollten Sie sich sehr gut überlegen, ob Sie einen fremden Ort wählen. Nur dann sollten sie solche Orte als Hintergrund nehmen.
Und wenn Sie fremde Orte wählen, müssen Sie begründen, warum Sie diese gut kennen. Am besten im Anschreiben und in der Autorenvita.
Ich habe 25 Jahre in Santa Barbara gelebt …
Oder:
Ich habe römische Geschichte studiert, eine Doktorarbeit über den Krieg mit Jugurtha geschrieben …
Übung
Haben Sie selbst eine Liebesgeschichte in einem Ihrer Projekte? Dann schreiben Sie dafür jetzt ein Exposé. Nur für die Liebesgeschichte. Wenn sie Teil eines Krimis ist oder eines anderen Romans, lassen Sie diese Teile weg, außer sie sind für die Liebesgeschichte wichtig. Schreiben Sie so konkret wie möglich, zeigen Sie Liebe und Leidenschaft in Ihrer Geschichte, behaupten Sie sie nicht nur.
Falls Sie wirklich keine haben: Nehmen Sie ein Buch, das Sie gelesen haben und das eine Liebesgeschichte enthält. Schreiben Sie dazu das Exposé.